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Sozialpsychologische Stoffsammlung


zu den Online-Artikeln

Solidarität und äußere Feinde Vier Glocken

In den letzten Finanzkrisen gab es keinerlei Solidarität zwischen den europäischen Staaten. Die Hochfinanz konnte schalten und walten wie sie wollte, und es interessierte niemanden, ob in den südlichen Ländern die Lebensbedingungen für die einfachen Leute immer schlechter wurden.

Jedes Land macht sein Ding, Deutschland und Großbritannien allen voran. Die Länder haben gelernt. Jetzt, in der Flüchtlingsfrage macht wieder jedes Land sein Ding. Wer die Flüchtlinge notgedrungen aufnehmen muss – Griechenland, Italien, Türkei- und schließlich Deutschland, bekommt von einigen Ländern ganz offen keinerlei Unterstützung.

Nun sind einige Franzosen von kriminellen Arabern totgeschossen worden. Plötzlich schreien die Europäer auf und beschwören die Gemeinsamkeit der Werte. Sogar Russlands Putin ist wieder dabei. Dabei ist diese Angelegenheit in Frankreich ja nur ein ganz kleines Ding, im Vergleich zu den zerbombten Städten und den Massakern im vorderen Orient. Als die Franzosen die arabische Bevölkerung in Algerien massakriert haben, hat kein Staat mit demokratischen Werten Frankreich bombardiert. Die Franzosen bombardieren jetzt aus Rache noch mehr, in einem Land, indem es niemanden gibt, der ihnen dies erlaubt hätte. Alle wissen auch, dass Bomben den ideologisch geprägten Mörderbanden nichts anhaben können, sondern nur das Leben der Bevölkerung beeinträchtigen. Bomben haben den zweiten Weltkrieg nicht entschieden, zumindest nicht in Mitteleuropa, Bomben haben den Gaza-Streifen nicht befriedet, Bomben und Drohnen nicht Afghanistan.

Das Schlechte kann aber auch möglicherweise sein Gutes haben. Als Hitlers Gegner sahen, dass Hitler-Deutschland und Kaiser-Japan nur durch den ganz großen militärischen Hammer an weiterem Unheil gehindert werden konnten, kam eine Solidarität zustande, die vorher niemand für möglich gehalten hätte. USA und Stalin-Russland. Als Hitler-Deutschland besiegt und zerstört war, hörte die Gemeinsamkeit schnell wieder auf und die Sowjetunion nahm als Feind Hitler-Deutschlands Platz ein, fast bis zum Weltkrieg III.

Nach der deutschen Wiedervereinigung war Russland einfach zu nett geworden. Aber die USA und Russland haben es wieder hinbekommen mit der Feindschaft. Sie ist allerdings nicht stark genug, um als echter Solidaritäts-Hebel zu dienen. Putin ist nicht böse genug. Die Falken in den USA dringen auch nicht so richtig durch.

Wenn es jetzt zu der Situation kommt, dass der ideologische Terrorismus in Europa zunimmt und alle betrifft, wird es erneut Solidarität geben. Menschen brauchen das unmittelbar wirkende Böse, um sich zusammenzuschließen. Auch Putin-Russland wird wieder im Boot sein. Und der Iran.

Es gibt noch andere Beispiele: in der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung entstand der Sozialstaat als Antwort auf den Kommunismus. Unsere Arbeitnehmer werden hier gut behandelt, im Osten ausgebeutet und unterdrückt. Kaum war die Wiedervereinigung durch und die russische Gefahr nicht mehr erlebbar, ging es los mit dem Sozialabbau und dem Turbo-Kapitalismus.

Gemeinschaft entsteht also nur als Antwort auf den äußeren Feind. Europa muss den IS-Mördern eigentlich dankbar sein. Das Gute vom Bösen. Die Europäer dürfen sich wieder an ihre Werte erinnern. Menschenrechte, Chancengleichheit, Freiheit, Schutz für alle. Gerade noch rechtzeitig, denn die Diktaturen kommen in Europa gerade wieder in Mode.

Auf der Kippe steht allerdings noch, wie die Flüchtlinge eingeschätzt werden sollen. Sind das die Guten, die vor dem Bösen fliehen? Also Leute von uns, die nur ein wenig anders aussehen und sich etwas anders verhalten? Oder sind das politisch-soziale U-Boote, die gekommen sind um uns zu unglücklichen Opfern zu machen? Oh, oh, wenn die Gesellschaft sich darauf einigen sollte, dass die Flüchtlinge die Bösen sind, dann wird es wohl Bürgerkrieg geben. Die Guten können nämlich sehr sehr böse werden! 19. November 2015

Die Gruppe und das Fremde 

In dem Augenblick, wo Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu uns stoßen, beginnen wir uns zu fragen, wer wir denn sind.
Die Deutschen, du und ich, lassen Menschen ins Land und begrüßen sie freundlich, weil Deutschland schon einmal so etwas erlebt hat: Flüchtlinge. Das ist das Deutsch-Sein des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts: Flüchtlinge und auch Asylanten integrieren?
Die Deutschen, du und ich, haben Angst vor Überfremdung. Da kommen Menschen, die sehen anders aus, kleiden sich anders, die meisten sind Moslems, andere Christen, aber auch die sind anders als die Christen in Deutschland. Sie kommen aus Ländern, weil dort fürchterliche Kriegsgewalt herrscht, ja aber deshalb kommen sie überhaupt.
Flüchtlingsströme, die ins Land kommen, zwingen die ansässigen Menschen, sich selber zu definieren. Wir sind wir, und die sind die.
Vorher waren wir gar nicht wir, sondern auch wir und die. Nur waren die Unterscheidungslinien anders gezogen.
Wir wissen nicht genau wie die sind. Und dabei merken wir schnell, dass wir auch nicht genau wissen, wer wir sind.
Mir gehen eine ganze Menge Deutschstämmige gehörig auf den Zeiger. Ich anderen sicherlich auch. Das wird überlagert, wenn neue Gruppen erscheinen, die sich anders und nicht immer angenehm benehmen. Böse Leute gibt es unter denen auch.
Sind wir das Abendland? Sind die das Morgenland? Was ist das Morgenland? Das liberale Bagdad des 11. Jahrhunderts, wo die Frau Geschäfte führte und die Religionen einigermaßen einträchtig nebeneinander lebten? Oder die brutalen Diktaturen in Syrien, Ägypten, Saudi-Arabien, Marokko? Oder die mörderischen Islamisten des IS? Die sich gegenseitig brutal bekämpfenden Sunniten und Schiiten? Sind die nicht gerade vor denen, die die Menschlichkeit mit Füßen treten geflohen? Also nicht so wie die?
Wir sind: Gute Menschen, brave Bürger, Reiche und Arme, Erfolgreiche und Erfolglose, Schlaue und Dumme, Bornierte und Mitleidige, Freigiebige und Geizige, auch korrupte Leute, Verbrecher, Intensiv-Täter. Aber: sie sind uns vertraut. Wir sind wir. Wenn schon einer einbricht, dann wenigstens ein Landsmann.
Das Fremde: das ist ein Reflex. Den gibt es schon im Tierreich. Ein weißes Entenküken wird gehackt.
Die eigenen Wir- und Fremdreflexe kann man am Umgang mit Tieren erkennen: Tiere mit rundem Kopf, die Blickkontakt aufnehmen, die Augen nach vorn gerichtet (Katzen, Hunde, kleine Bären), Tiere mit weichem wolligen Fell, die man streicheln kann, Tiere, die zu Menschen Kontakt aufnehmen (Sittiche, Papageien) und nachahmen, Tiere die zu lächeln scheinen (Delphine), die nehmen wir an, die gehören zu uns. Schlangen, Kröten, Echsen, Spinnen, Insekten, da sind wir auf Distanz.
Interessant sind die Reaktionen des Menschen auf Ratten: ein Kindchenschema haben sie nicht gerade. Als Haustiere sind sie possierlich und sprechen uns emotional an. Wenn sie in Massen und im Dunkeln auftreten oder in Gewässern finden wir sie widerlich.
Schlechte Sympathiekarten haben auch Tiere mit nicht-menschlichen Augen. Facettenaugen. Augen mit Schlitzpupillen.
Das sich zugehörig fühlen oder sich von Fremden abgestoßen fühlen, das sitzt beim Menschen also in ganz tiefen emotionalen Schichten.
Der Reflex kommt vor der Reflexion.
Ungleiche Gesellschaft. Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein, damit sie noch ohne Repression existiert?
Konkurrenz durch Fremde: die kriegen alles, siehe das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Eifersucht. Wie Geschwisterkonflikt oder Hühnerhof-Picken. Ich will auch geachtet und gewertschätzt werden.
"ich habe mein Leben lang gearbeitet, und die kriegen Wohnung, Haus, Unterhalt. Einfach für lau."
Der Hass richtet sich nicht gegen die im Land, die uns täglich ausbeuten, sondern gegen die Dazugekommenen. Eine weitere Ungerechtigkeit zu den schon Bestehenden.
Das ist der Unterschied zwischen Rechts und Links:
Die Rechten greifen nie die eigenen Leute mit hemmungsloser Selbstbediener-Mentalität an, sondern die fremden Armen.
Die Linken greifen die Superreichen an und plädieren an den Sozialneid. Das machen sie so lange, bis sie sich selber bedienen können.
Warum verehren wir unsere Führer, unseren Adel, unsere Wirtschaftsbosse, obwohl sie sich alles unter den Nagel reißen? Warum bezahlen wir horrende Summen für Fußballspieler und -funktionäre, und finden das in Ordnung, gönnen aber lebensbedrohten Menschen nicht das Schwarze unterm Fingernagel?
Wir sonnen uns stellvertretend bei den Superreichen, Erfolgreichen. Wir identifizieren uns mit denen, die sich wie selbstverständlich alles gönnen. "Ich möcht' so sein wie du." Denen lassen wir alles durchgehen. Man kann doch den Höness nicht einsperren.  Würden wir doch genauso machen, wenn wir könnten. 12. November 2015

Online-Artikel

Vom Ende der Distanz. Wenn Emotion zum Terror wird

Unbekannte umarmen sich oder beenden eine Mail mit „LG“: Wenn Menschen sich wie wandelnde Emoticons benehmen, verschwindet zu viel an Distanz. Ein Kommentar. von Arno Makowsky. Tagespiegel.de 23.10.16

Angst als politisches Programm

Angst führt zu Aggression. Man baut sich als Opfer auf und dämonisiert andere als Aggressor. Angst führt zum Verlust von Freiheit.

Arno Widman, fr-online 18.05.16

Wann nerve ich?

Und was genau ist es, was mich an anderen nervt? »Soziale Allergie«. Über die Nervensägen und die Genervten. zeit-online. Stand 25.02.16

Abwehr ist der falsche Modus

Angesichts drohender Anschlagsgefahr schreit alles in uns nach Abschottung. Aber das Gegenteil ist richtig: Mehr denn je müssen wir uns dem Anderen und Fremden öffnen. „... Die Zeit ist reif für eine paradoxe Intervention, dafür, uns zu öffnen, obwohl und gerade weil alles nach Abschottung schreit. Wir müssen raus aus unseren komfortablen, geschlossenen Zirkeln der Selbstvergewisserung, mitten hinein in das Risiko der Begegnung mit dem Anderen. Auch dem Anderen in uns selbst....“

Von Ruth Kinet. Zeit-online Stand 06.12.15

Das Ende der Arroganz

"...Endlich werden Araber in großer Zahl von Europäern, von Christen besser behandelt als von ihresgleichen. Darin liegt der politische Kern der Willkommenskultur: Was wir hier mit den Arabern machen, wird das Bild, das sie in der Region von uns haben, prägen. Das ist eine heikle Aufgabe und eine riesige Chance..." Das Scheitern der Realpolitik des Westens, die menschenverachtenden Interventionen im Iran, Irak und anderswo. Die arabischen Menschen müssen als gleichwertig anerkannt werden. zeit-online 02.12.2015

Zum Thema Klarheit und Kommunikation

"Wir müssen uns im übrigen darüber im Klaren sein, dass die meisten Informationen bei unserem Gegenüber gar nicht ankommen. Deshalb müssen sie Klarheit stets mit Worten formen." Renè Borbonus in Telepolis  in der allgemeinen Meinungsbildung. Stand 04.11.2015

"Die politische Bedeutung physiognomischer Unterschiede stellt stets eine Konstruktion dar"

Reinhard Jellen: "In seinem aktuellen Buch "Religion, Volk, Identität?" analysiert der Soziologe Rainer Schreiber den Israel-Palästina-Konflikt und entwickelt daraus eine Kritik "identitären Denkens", das über einen fiktiven eigenen Nationalcharakter zu Abgrenzung, Feindbildern und Sündenbock-Konstruktionen neigt. Telepolis, Stand 09.11.2015

Mehr Balkan wagen

"Diese irrsinnige Utopie, ein für alle Mal nur unter sich zu sein, kann nicht aufgehen. Wer nach nationaler Reinheit strebt, hat sich noch stets mit Blut besudelt. Wer die deutsche Geschichte betrachtet, weiß das." Adnan Softic in zeit-online. 11.11.2015

Der Mars, eine bedrohte Gesellschaft

Ein Querverweis auf einen Artikel vom Uwe Wiest aus dem Jahre 1992:

Wir wollen eigentlich einen freundlichen hilfsbereiten Umgang der Menschen miteinander. Aber der fasziniert uns nicht. Spannend finden wir Gewalt, weshalb sind Fernsehkrimis denn sonst auch so beliebt? Unter den Bestsellern bei Taschenbüchern dominieren die Krimis ebenfalls.

Außerdem hat der Mensch eine Tendenz, sich schlecht zu benehmen, wenn er sich nicht kontrolliert weiß (Öffentliche Toiletten beschmieren und zerstören, Rasen auf der Autobahn und und und)

Die Mars-Satire zäumt das Pferd von hinten auf, um das Wundern über diese Situation wieder herzustellen. Auf dem Mars ist man eisig, und man fürchtet die Freundlichkeit und menschliche Nähe.